Mit Liebe zur Dichtkunst
Agnes Giesbrecht über ihr Engagement im Literaturkreis und Entwicklungen in der russlanddeutschen Literaturszene
Die Lyrikerin und Essayistin Agnes Giesbrecht (geb. Gossen) wurde am 2. Februar 1953 im russlanddeutschen Dorf Podolsk, Gebiet Orenburg, geboren. Schon in ihrer frühen Kindheit entwickelte sie eine Liebe zum Buch und das geschriebene Wort, verfasste seit der Schulzeit Gedichte, hauptsächlich in russischer Sprache. Zu Hause sprach man Plattdeutsch. Sie studierte Slawistik an der Pädagogischen Hochschule Orenburg und Bibliothekswesen im Nordkaukasus, unterrichtete anschließend die russische Sprache und Literatur im Gebiet Orenburg und im Nordkaukasus, war als Bibliothekarin und gleichzeitig als freischaffende Journalistin tätig, leitete einen Literaturzirkel. Seit 1989 lebt Agnes Giesbrecht in Deutschland und arbeitet als Bibliothekarin an der Universität in Bonn. In Russland begeisterte sich die Lyrikerin insbesondere für die Klassiker der russischen Literatur, aber auch für die Freigeister wie Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa oder Josef Brodskij. In der neuen Heimat entdeckte sie die poetische Sprache bekannter deutscher Autoren und wagte 1991 den Versuch in deutscher Sprache zu schreiben, unter anderem im Rahmen einer Literaturwerkstatt in Bonn. Inzwischen hat sie sich zu einer Autorin entwickelt, die mit beiden Sprachen souverän und kreativ umgeht. Von 1995 bis 2007 leitete Agnes Giesbrecht den Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.V., der sich aus einem Freundeskreis von 14 Autoren zu einem Bundesverband mit 94 Mitgliedern entwickelt hat. Sie ist Autorin von sechs eigenen Büchern in Deutsch und Russisch sowie Herausgeberin einiger Publikationen des Literaturkreises der Deutschen aus Russland. Neben dem Beruf als Bibliothekarin unterrichtet sie Russisch an der Volkshochschule, engagiert sich bei der Bonner Plattdeutschen Initiative, der Bonner Werkstatt Kreatives Schreiben und in der Gesellschaft Prussia, „bastelt“ am Projekt „Literaturbrücke Bonn-Kaliningrad“.
Nina Paulsen (VadW) befragte die Jubilarin über ihr Engagement als Vorsitzende des Literaturkreises und die Entwicklungen in der russlanddeutschen Literaturszene.
Nina Paulsen: Liebe Agnes, seit 12 Jahren hast du den Literaturkreis mit Herz und Seele geleitet. Was bedeutet für dich der Abschied?
Agnes Giesbrecht: Es war für mich nie so wichtig, eine Vorsitzende zu sein. Wichtig war immer, dass sich etwas bewegt, dass die russlanddeutsche Literatur in Deutschland präsent wird. Es war mehr Verantwortung als Ehre und außerdem eine riesige Aufgabe, die nur dank immer neuen Kontakten und der Unterstützung vieler Autoren machbar war. Zudem ist es kein Abschied, wenn ich nicht mehr Vorsitzende des Literaturkreises bin. Als Geschäftsführerin habe ich immer noch alle Hände voll zu tun, muss mich um die neuen Projekte, die Aussicht auf Erfolg haben, kümmern und noch drei Buchprojekte zu Ende bringen. Ich plane ein Buch über den Literaturkreis zu verfassen und zwei eigene Bücher mit größeren Prosatexten, die in der Schublade geduldig gewartet haben, fertig zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich hoffe sehr, dass die Arbeit im Literaturkreis jetzt auf mehrere Schultern verteilt wird und ich etwas mehr Zeit für meine eigenen literarischen Vorhaben, die bei einem erfüllten Ehrenamt lange Zeit auf der Strecke geblieben sind, habe.
Welches war dein schönster Erfolg - als Vorsitzende des Literaturkreises und als Dichterin?
Als Vorsitzende habe ich zahlreiche Veranstaltungen organisiert und bin „Geburtshelferin“ bei vielen Publikationen gewesen, aber am schönsten waren unsere drei Lesungen auf der Buchmesse in Leipzig und die Einladung zum Sommerfest beim Bundespräsidenten ins Schloss Belevue im Juli 2007. Ich habe diese Einladung als große Ehre nicht für mich persönlich, sondern für unseren Literaturkreis, für unsere Autoren gesehen, die sich bemühen, unserer verschwiegenen Volksgruppe eine Stimme zu verleihen. Zu meinem 50. Geburtstag vor fünf Jahren hatte ich eine Freundschaftslesung organisiert und gebeten, an stelle Geschenken für den Literaturkreis zu spenden. Ich war damals sehr gerührt und erstaunt, wie viele Bonner einheimische Autoren und Literaturfreunde aus dem Verein (sogar aus Süddeutschland, das Paderborn, Oldenburg etc.) damals gekommen waren und ihre Texte gelesen und Lieder gesungen haben. Mein Sohn, der jetzt in Köln beim Fernsehkanal CenterTV arbeitet, hat dies alles auf einem Video festgehalten, das ich mir gerne bei Gelegenheit anschaue.
Als Dichterin habe ich mich am meisten gefreut, als 2000 meine ersten zwei Bücher in Deutsch „Die Feder tanzt“ und „Zwischen gestern und heute“ im Robert Burau Verlag veröffentlicht wurden und als 2005 die von mir zusammengestellte Anthologie „Kindheit in Russland“ erschien, die schon 2007 eine zweite Auflage erlebte. Jetzt arbeite ich an einer Fortsetzung, sammle neue Texte über Kindheiten in Russland und Deutschland aus der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag. Aus meinen vielen Lesungen war die größte mit 600 Zuhörern in der Adventszeit vor drei Jahren im Eichendorffsaal im Schlesien-Haus in Königswinter. Ich erwartete, einen kleinen „Café-Kreis“ anzutreffen und staunte überwältigt, als ich den Raum betrat.
In den vergangenen Jahren ist der Literaturkreis ein wichtiger Teil deines Lebens geworden, wie hat dich dieses Engagement verwandelt?
Der Literaturkreis war am Anfang ein kleiner Freundeskreis von Gleichgesinnten, jetzt ist er zu einer Großfamilie geworden. Er ist wichtig nicht nur als eine Möglichkeit sich zu treffen, auszutauschen und als Autor weiter zu entwickeln, sondern auch für die Integration unserer Autoren und Landsleute in Deutschland. Sie sind das Sprachrohr der Russlanddeutschen: Wenn unsere Bücher gelesen werden, können die Einheimischen uns besser verstehen und weniger Vorurteile uns gegenüber haben. Besonders freut es mich, wenn ich von einheimischen Kollegen höre, dass wir die bundesdeutsche Kultur bereichern, ein frischer Wind für sie sind, neue Themen und Erfahrungen einbringen.
Ich denke, dass ich in 12 Jahren unter anderem dazu beigetragen habe, dass der Literaturkreis jetzt auf eigenen Beinen steht: Wir haben inzwischen sechs Orts- und Regionalgruppen gegründet, die von engagierten Autoren geleitet werden. Ich habe in diesen Jahren sehr viele Kontakte aufgebaut und Erfahrungen gesammelt. Die Geographie unserer Lesungen ist Deutschlandweit, wir haben zwei Verleger als treue Partner gewonnen – den Leiter des Geest-Verlages Alfred Büngen und unseren Landsmann Robert Burau. Wir haben Waldemar Weber, der auch einen eigenen Verlag hat, als Referenten auf unseren Autorenseminaren erlebt, sowie die Dozentin der Moskauer Universität Anna Zajac und viele andere. Wir beginnen jetzt mit einer Literaturwerkstatt für junge Autoren, die Wendelin Mangold leiten wird. Wir haben eine „Schriewagrupp“ mit plattdeutschen Autoren organisiert und treffen uns Anfang Februar das zweite Mal zu einem Seminar in Oerlinghausen, abgesehen von den plattdeutschen Veranstaltungen, die Tatjana Klassner und Katharina Wedel seit fünf Jahren durchführen, bei denen der Literaturkreis immer mit Büchern und Texten auf der Bühne vertreten war.
Ich kam nach Deutschland mit 36 Jahren und bin 19 Jahre älter und lebenserfahrener geworden, habe viele talentierte Menschen kennengelernt, habe aus eigenen und fremden Fehlern gelernt, bin ausgeglichener, selbstkritischer und diplomatischer bei meinen Urteilen geworden, weil ich immer viel Wert auf eine harmonische Atmosphäre im Verein legte – durchaus keine leichte Sache bei so vielen verschiedenen Interessen, Weltanschauungen und Charakteren.
Wie hat sich in diesen 12 Jahren die russlanddeutsche Literaturszene in Deutschland verändert und wie hat der Literaturkreis aus deiner Sicht dazu beigetragen?
Die Literaturszene hat sich sehr verändert, weil sehr viele Autoren der mittleren und jüngeren Generation auf die Bühne getreten sind, neue Themen und andere Erfahrungen und kreative Ideen mitgebracht haben, obwohl es noch oft Sprachdefizite gibt. Die deutsche Gegenwart tritt langsam in unsere russlanddeutsche Literatur ein. Die Verarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit der russlanddeutschen Volksgruppe im 20. Jahrhundert kommt zwar noch meist in Form der Erinnerungsliteratur zum Ausdruck, aber es gibt auch die ersten Romane z. B. von Viktor Heinz oder Anatoli Steiger zu diesem Thema. Bücher, welche die Schlüsselereignisse der russlanddeutschen Geschichte behandeln, erscheinen zahlreich auch außerhalb des Literaturkreises. Oft sind es Publikationen von Autoren, die als Kinder die Deportation erlebt haben, wie z.B. Jacob Ickes oder Nelly Kossko. Auch einige Einheimische haben sich der russlanddeutschen Thematik verschrieben. Obwohl sie die komplexe Problematik und die Mentalität nicht so tiefgreifend nachvollziehen können, klappt es dagegen mit der Vermarktung besser – daran müssen wir noch arbeiten.
Auch die Literaturkritik bleibt nach wie vor ein wunder Punkt. An dieser Stelle danke ich insbesondere dem rumäniendeutschen Autor und Literaturkritiker Ingmar Brantsch, der den Literaturkreis und seine Autoren jahrelang begleitet. Auch die Literaturwissenschaftlerin Prof. Annelore Engel-Braunschmidt, der Dichter und Literaturkritiker Johann Warkentin aus Berlin oder der in Kasachstan lebende Herold Belger haben mit ihrem kritischen, aber auch wohlwollenden Blick die Literatur der russlanddeutschen Autoren gefördert.
Es sind in diesen Jahren sehr viele neue Bücher veröffentlicht worden, sowohl in Deutsch als auch in Russisch oder in Übersetzungen. Es gibt auch zweisprachige Ausgaben. Der Literaturkreis hat zum Beispiel mit einem Literaturkalender von 70 Seiten begonnen, jetzt geben wir zwei Almanache jährlich neben weiteren Publikationen heraus: „Russlanddeutscher Literaturkalender“ (1997-2000, 2006, 2007), Almanach „Literaturblätter der Deutschen aus Russland“ (2002-2007, in Deutsch und Russisch), Anthologie „Kindheit in Russland“, Humorbücher „Worüber man sich lustig macht“ (2004) und „Lustiges Leben“ (2004), zweisprachiges Lyrikbuch „Spiegelbilder“(Moskau, Gotika, 2000). Außerdem erscheinen seit einigen Jahren in Berlin eigene Almanache. Im Süden ist Nadja Runde aktiv, die eigene Kinderbücher und auch eine Anthologie „Kleine fliegende Elefanten“ veröffentlicht hat. In Köln Nora Pfeffer und die leider verstorbene Nelly Wacker – die zwei berühmten Kinderbuchautorinnen und Granddamen der russlanddeutschen Literatur. Und schließlich gibt es viele Veröffentlichungen in der russlanddeutschen Periodika.
Wie siehst du die Zukunft des Literaturkreises?
Diese Frage sollte eigentlich an meinen Nachfolger Johann Keib gehen, der bis dahin den Berliner Literaturkreis leitete und auch jetzt zahlreiche Veranstaltungen durchführte. Er selbst schreibt in Deutsch und Russisch, der Verein ist ihm genau so lieb und teuer wie mir, er bringt neue Ideen ein und kann den Verein, der fast 100 Mitglieder zählt, auch bei großen Literaturfesten in der Hauptstadt präsentieren. Ich werde ihn auch weiterhin mit Rat und Tat unterstützen und hoffe, dass unser Verein auch mehr Unterstützung von der Landsmannschaft in der Zukunft erfährt wie auch von der öffentlichen Hand. Noch wichtiger ist es, dass sich die Quantität in bessere Qualität verwandelt, dass die jüngere Generation, die in Deutschland aufgewachsen ist, keine Sprachschwierigkeiten hat und in diese Gesellschaft hinein gewachsen ist, so wie sechs schreibende Kinder unserer Autoren oder zwei 18-jährige Autoren Max Schatz und Florian Bergner, die schon eigene Bücher veröffentlicht haben. Diese und andere junge Talente außerhalb des Literaturkreises sind die Zukunft der Literatur der Deutschen aus Russland.
Liebe Agnes, herzlichen Dank für die Antworten.
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