„Kulturelle Breitenarbeit zwischen Tradition und Moderne“
Motivierte Teilnehmer beim Seminar der Landesgruppe Bayern
„Kulturelle Breitenarbeit zwischen Tradition und Moderne“ war der Titel des Seminars für Chor- und Tanzleiter der Landesgruppe Bayern der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, das am 5.-6. November 2011 im Jugend- und Familien-Gästehaus in Nördlingen stattfand. Das große Interesse für das Thema bewies die beachtliche Zahl der Teilnehmer, die mit über 50 Personen elf Ortsgliederungen der Landsmannschaft vertraten, und ihre motivierte Beteiligung an der Gruppenarbeit. Eingeladen waren Leiter der russlanddeutschen Kulturgruppen aus Bayern und die Kulturreferenten der landsmannschaftlichen Ortsgruppen. Die Maßnahme wurde durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen über das Haus des Deutschen Ostens (München) gefördert.
Vorbereitet und durchgeführt wurde das Seminar von den Ehrenamtlichen der Landesgruppe Bayern, vertreten durch die Landesvorstandsmitglieder Helene Scheftner, Viktoria Wesner und Linda Wolf, in Kooperation mit dem landesweiten Projekt „Angekommen und Integriert in Bayern“ (Projektleiterin Olga Knaub) und dem landsmannschaftlichen Ausstellungsprojekt „Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ (Projektleiter Jakob Fischer).
Nach der Begrüßung und Einführung in die Schulung durch die Projektleiterin Olga Knaub gingen die Teilnehmer gleich an die Sache. Die beiden Seminartage wurden in Form von gezielter Gruppenarbeit gestaltet, wobei kulturelle Traditionen in den Bereichen Gesang und Tanz im Mittelpunkt standen. Die Teilnehmer sollten mehr über die Kulturtraditionen und das Brauchtum der Russlanddeutschen erfahren, um dieses Wissen weiter zu vermitteln. Die Gruppen wurden von sachkundigen und engagierten Referenten geleitet, die die Teilnehmer mit ihrer leidenschaftlichen Herangehensweise immer wieder zum motivierten Mitmachen anregten.
„Wo man singet, lass dich ruhig nieder… böse Menschen haben keine Lieder“
Die Gruppe der Chorleiter arbeitete am ersten Tag mit der Musikerin Ida Haag aus Ingolstadt zusammen. In Kasachstan studierte sie Gesang und arbeitete danach drei Jahre beim Deutschen Schauspieltheater Temirtau, wo sie mit Schauspielern Lieder einübte. 1988 kam Haag nach Deutschland, seit 15 Jahren unterrichtet sie an einer Ingolstädter Musikschule, wo sie jede Woche bis zu 60 Kinder hat - 99 Prozent davon sind einheimische Kinder.
In ihrer Heimatstadt leitet sie auch den Chor „Singende Herzen“, der 1995 gegründet wurde und inzwischen weit über die Grenzen der Heimatstadt und Bayerns bekannt ist. Im Chor singen 40 Sängerinnen und Sänger, die auch in kleineren Gruppen auftreten und ca. 200 deutsche Volkslieder und klassische Kirchenstücke im Repertoire haben. Auf drei einheimische Sänger ist die Chorleiterin besonders stolz. Mit einer eigenen Klavier- und Orgelbegleitung tritt der Chor oft bei städtischen und landsmannschaftlichen Veranstaltungen auf und wird in Altenheime eingeladen. Eine Fotopräsentation stellte die 16-jährige Geschichte der „Singenden Herzen“ vor.
Und so konnte Ida Haag mit viel Sachverstand, aber auch mit Leidenschaft und Humor, viele nützliche Tipps zum richtigen Singen, Chorrepertoire und Auftritten in der Öffentlichkeit geben. Im Mittelpunkt der praktischen Übungen standen das richtige Atmen, die Stimm- und Gehörbildung sowie das Gefühl für Klang und Harmonie. Mit dem Lied „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ wurden Körper und Seele für das Singen vorbereitet. Bei „Meine Hoffnung und meine Freude“ übten die Teilnehmer den emotionalen, leidenschaftlichen, gefühlvollen Gesang. Beim Thema „Das richtige Repertoire“ klang das majestätische „Halleluja“. Mit „Freude schöner Götterfunken“ ging es um Respekt, Anerkennung und Freude. Und mit dem Lied „Danket, danket dem Herrn“ um Dankbarkeit und das Bestreben, Gutes zu tun.
Auch bei dem Erfahrungsaustausch unter Vertretern verschiedener Chöre (Kissingen, München, Landshut, Regensburg oder Schweinfurt) konnte Ida Haag immer wieder auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen, wobei sie gelernt hatte: „Niemals aufgeben“, wenn man dabei ist, einen Chor aufzubauen. Oder die Erfahrung, dass „nur Russisch zu singen, ist nicht ratsam. Da kommt gleich der Vorwurf - sie singen ja nur Russisch, da gehören sie auch hin. Es sollte schon ein ausgewogener Mix sein. Es bleibt zwar jedem überlassen, wie er sich präsentiert, aber man sollte sich dadurch nicht selber schaden“, so Ida Haag.
Am Klavier wurde sie von Irina Kraft, ebenfalls aus Ingolstadt, begleitet. Auch sie ist ein Beispiel dafür, wie man über ein Ehrenamt in den Beruf einsteigen kann. Über den Ingolstädter Chor hatte sie Arbeit gefunden und sich etabliert, heute unterrichtet Irina Kraft an der Musikschule und ist eine erfolgreiche Organistin.
Am zweiten Tag durften die Teilnehmer der Chorleiter-Gruppe nach Lust und Laune mit Jakob Fischer singen, der in Nördlingen zu Hause ist. Zu den meisten Liedern gab es historisch-geschichtliche Kommentare vom Referenten, die den Teilnehmern den wahren Sinn der Liedtexte eröffneten. Zum Schluss wurde noch das Liederbuch der Landsmannschaft „Deutsche Volkslieder aus Russland“ mit den dazu gehörenden CDs und das Buch von Ernst Stöckl „Musikgeschichte der Russlanddeutschen“ an die Teilnehmer verteilt.
Das Tanzbein schwingen, wie einst die Vorfahren an der Wolga
Mit vollem Körpereinsatz ging es in der Gruppe der Tanzleiter zu. Spaß am Tanzen hatten alle Teilnehmer, sowohl die Jugendlichen aus Unterfranken oder Straubing als auch ältere Teilnehmer aus verschiedenen Ortsgruppen. Mit dem Choreographen aus Leipzig, Alexander Gepting, übten sie typische Schritte der russlanddeutschen Volkstänze Oira, Walzer, Pa-de-Espan und Krakowjak. Schon im sibirischen Barnaul leitete Gepting das weit und breit bekannte Tanzensemble „Lorelei“, das unter anderem deutsche Folkloretänze im Programm hatte. Auch in Deutschland gibt er Tanzunterricht und hat in Leipzig die integrative Tanzgruppe „Queens“ aufgebaut. Mit den Seminarteilnehmern übte Alexander Gepting Tanzschritte so, „wie die Vorfahren an der Wolga einst getanzt hatten“.
Am zweiten Tag war Nadja Fuchs die Tanzlehrerin, die Leiterin des inzwischen international bekannten Tanzensembles „Birkenhain“ aus Schlüsselfeld - Preisträger des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg 2008. Die meisten Tänzer der Kulturgruppe kommen aus dem deutschen Dorf Podsosnowo in der Altairegion, die Folkloregruppe besteht seit 2004 und hat sich inzwischen bundesweit aber auch international in die Herzen der Freunde der Volkskunst eingetanzt. Die Birkenhainer halten die Volkstänze und das Brauchtum, die in den deutschen Siedlungen in Sibirien gepflegt wurden, lebendig, entwickeln diese weiter und vermitteln sie an die Öffentlichkeit durch Auftritte in verschiedenen Bundesländern.
Zusammen mit ihrem Mann Waldemar übte sie mit der Gruppe Schritt für Schritt den Tanz „Polka-Galopp“. Die Methode erwies sich als sehr effektiv, so dass die Teilnehmer des Tanzworkshops zum Schluss und vor versammelter Mannschaft ein bühnenreifes Tanzen präsentierten, einstudiert nicht mal in zwei Stunden.
„Zu Gast auf einer wolgadeutschen Hochzeit“: „So was habe ich in meinem Leben nie gesehen“
In beiden Gruppen wurde kräftig für die öffentliche Veranstaltung „Zu Gast auf einer Wolgadeutschen Hochzeit“ geprobt, die Samstagabend im berstend vollen Gasthaus „Zur Bretzge“ über die Bühne lief und zum Höhepunkt des Seminars wurde. Zu Beginn der Veranstaltung wurden die zahlreichen Versammelten vom Landesvorsitzenden Waldemar Eisenbraun begrüßt.
Jakob Fischer moderierte den Abend und erklärte die überlieferten Hochzeitstraditionen der Wolgadeutschen, die durch Lieder und Tänze vorgeführt wurden. Das Programm gestalteten die Teilnehmer des Seminars, die Tanzgruppe „Birkenhain“, die Gesangsgruppe „Liebende Herzen“ aus Landshut (Leiterin Elvira Gillert) sowie Jakob und Ludmila Fischer, Lina Neuwirt (schreibt Musik zu eigenen Texten, bekannt durch bundesweite Auftritte) und Irina Dellert aus Köln (ehemalige Sängerin des Folkloreensembles „Erbe“ in Kasachstan, tritt mit deutschen Volksliedern auf) mit ihrem Gesang. Das Hochzeitspaar spielten Inga und Eduard Fischer aus Fürth. Den musikalischen Rahmen gestaltete Eduard Frickel.
Mit Liedern wie „Fritz und Olga singen vom Glück an der Wolga“, „Lustig sollen die Lieder klingen“, „Die Hinkel und die Gickel“, „Jetzt wollen wir als Gäste hier“,, Die Moder hot geheirat“, „Auf der Kalinenbrück“, „Schlägt die Uhr eins“, „Wer die Liebe hat erfunden“, „Hätt‘ ich dich nicht gesehen“, „Ganz in Weiß“, „Mein Schatz hat blaue Augen“, „Rosamunde“, „Tanz mit mir, Mädchen von der Wolga“, „Hab oft im Kreise der Lieben“, „Schön ist die Jugend“ oder „Kehraus-Polka“, mit schwungvollen Tänzen und Tanzspielen wurde die Stimmung immer wieder angeheizt und eine unvergessliche Atmosphäre geschaffen. Der gelungene Abend stieß auf allgemeine Begeisterung, auch die zahlreichen Gäste sangen und klatschten leidenschaftlich mit. „So was habe ich in meinem Leben nicht gesehen“, äußerte sich eine der Seminarteilnehmerinnen und sprach damit sehr vielen aus der Seele.
Der Bedarf an praktischen Schulungen ist groß
Viel Wert legte die Projektleiterin Olga Knaub auf die Auswertung des Seminars, um Ideen und Themen für die zukünftigen Veranstaltungen zu sammeln, dafür musste jeder einen Fragebogen ausfüllen. Die Eindrücke und Resonanz der Teilnehmer bereits während der Tagung und die geäußerten Wünsche zeigten, dass das Interesse und der Bedarf an dieser Art von praktischen Schulungen groß sind. Und es gibt auch sachkundige Referenten aus den eigenen Reihen, die bereit sind, den Chören, Musik- oder Tanzgruppen der Landsmannschaft bei der Anhebung ihrer Professionalität, der Auswahl des Repertoires oder der Organisation von Veranstaltungen unter die Arme zu greifen. „Wir haben in unseren Reihen in vielen Bereichen sachkundige Landsleute, die wir ins Boot holen sollten“, so Knaub. Niveauvolle themenbezogene Tagungen, bei denen die Teilnehmer unter professioneller Anleitung geschult werden und so in ihrem Ehrenamt vor Ort weiterkommen, wäre aus ihrer Sicht auch eine überzeugende Werbung für die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.
Und so überraschte auch der Wunsch vieler Teilnehmer nicht, die praktischen Seminare für Chor-, Tanzleiter oder Instrumentalisten zur Tradition zu machen und diese auf das ganze Bundesgebiet auszudehnen. Auch der Wunsch, die „Wolgadeutsche Hochzeit“ auch an anderen Standorten zu zeigen, wurde von vielen ausgesprochen. Ebenso wie der Wunsch, durch solche Tagungen das Wissen über die russlanddeutsche Kultur und Folklore zu erweitern. Auch die Frage der Trachten kam zum Ausdruck.
Zum Programm des Seminars gehörte auch eine Stadtführung, die wunderbar von Jakob Fischer gemeistert wurde. Das Ehepaar Dellert machten Aufnahmen für einen Film über das Seminar. Und zum Schluss freuten sich alle noch über die Teilnahmeurkunden, die von den Veranstaltern überreicht wurden.
Nina Paulsen, VadW
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