Willkommen auf der Homepage der Landesgruppe Bayern der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V.

Historischer Forschungsverein der Deutschen aus Russland

  • Dienstag, den 26. Januar 2010 um 20:00 Uhr

TrachtIrgendwann fragt jeder nach seinen Wurzeln


Unter Tradition versteht man nicht die Anbetung der
Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Gustav Mahler, österreichischer Komponist


Als die ersten Deutschen als Händler und geschätzte Handwerker nach Russland kamen, blieben sie deutsche Untertanen und mussten sich nicht vor dem russischen Zaren verbeugen.

Alleine deshalb hatten sie ihre mitgebrachte Kleidung zu tragen, um von den Einheimischen unterschieden werden zu können.

Mit der ersten planmäßigen Ansiedlung (1764-1796) von Deutschen aus Hessen unter Katharina II. kamen auch meine Vorfahren  aus der Isenburgischen Grafschaft, aus dem Büdinger Land, in die karge Steppenlandschaft an der Wolga, damit diese urbar gemacht werden sollte. Bei ihrer Ankunft mussten sie der Russischen Kaiserin, der einstigen deutschen Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst,  ihre Treue auf die Bibel schwören. Nach schweizerischem Vorbild in Kantone eingeteilt, verwalteten sich die Kolonisten – die Bezeichnung wurde immer im Sinne von Siedlern gebraucht - selbst.

Es bestand aber weiterhin eine lebendige Verbindung zum Mutterland. Nicht nur Pfarrer wurden im damaligen Deutschland ausgebildet.

Georg Friedrich Velten, Hofarchitekt Katharinas der Großen, soll als Volontär am Bau des Stuttgarter Schlosses mitgewirkt haben und sammelte 1749 Erfahrungen an verschiedenen Bauvorhaben in Berlin. Zum Oberarchitekten der Petersburger Baukanzlei ernannt, sorgte er für einen  raschen Übergang vom verschwenderischen Barock zum staatsmännischen Klassizismus, der sich in Russland zeitgleich mit dem restlichen Europa vollzog.

Etwa 40 Jahre später (1801-1825) kam ins Schwarzmeergebiet die zweite große Auswanderungswelle, diesmal aus Südwest- und Süddeutschland: Württemberg (Schwaben), Baden, der Pfalz und dem Elsass. Dort fanden die Neusiedler das passende Klima und den fruchtbaren Boden vor, um wieder als Winzer und Viehzüchter ihren Alltag zu gestalten.

Diese  beiden großen Kolonistengruppen – die Wolgadeutschen und die Schwarzmeerdeutschen - lebten im riesigen Land zeitlich und räumlich getrennt.

Sie tauschten sich aber über mehr als 100 Jahre auch kulturell aus und glichen sich gegenseitig an, bis man sie nach ihren Herkunftsgebieten nicht mehr auseinanderhalten konnte. Sie hatten aber weiterhin einen eigenen Stil sich zu kleiden, durch den sie sich als deutsche Minderheit von allen anderen in Russland lebenden Volksgruppen unterschieden.

Die dritte Gruppe der Deutschsprachigen in Russland war die der Mennoniten, die plattdeutsch sprachen und eine in sich geschlossene Religionsgemeinschaft (seit dem 16. Jh.) bildeten.

Der große Umbruch kam nach der Russischen Revolution im Jahre 1917. Die typische Kleidung der Deutschen wurde verboten und verspottet. Schauten Spitzen unter dem Rock hervor, galt das plötzlich als unanständig.

Meine Mutter, 1925 in Balzer an der Wolga geboren, kann sich noch gut an Röcke erinnern, wie sie von ihrer Mutter und den älteren Schwestern getragen wurden. Im guten Wollstoff waren im gleichen Farbton feine Muster aus Seide eingewebt, und die Blusen zierten erhabene Stickereien und geklöppelte Spitzen. Zur Kirche wurde überwiegend dunkle und dadurch solide wirkende Kleidung getragen, die extra für Sonn- und Feiertage aufgehoben wurde. Nun holte man diese Kleidungsstücke aus der Truhe und trennte sie in gemeinschaftlicher Abendbeschäftigung auf, um in der durch wirtschaftlichen Zusammenbruch gekennzeichneten Zeit unter Vermeidung verschwenderischer Schnittmuster etwas Neues anzufertigen.

Das Land hatte große politische Veränderungen erfahren. Nicht nur Nähstoffe waren knapp geworden.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die bis dahin im Deutschen Reich eingebürgerten Schwarzmeerdeutschen auf Beschluss der Siegermächte in die Gulags nach Sibirien und nach Mittelasien gebracht wurden, waren dort die bereits im Spätsommer 1941 zur Zwangsarbeit verpflichteten Wolgadeutschen durch Kälte, Unterernährung und Erschöpfung massenhaft zu Tode gekommen.

Die europäische Geschichte wollte es, dass wir als Nachkommen dieser einstigen Einwanderer in Russland eine Rückwanderung ins historische Heimatland erfahren, um hier wieder einen neuen Lebensraum zu finden.

Begonnen hat diese Heimkehr gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn auch spärlich.

Einen starken Spätaussiedlerzuzug gab es in den 70er Jahren. Wir sind hierher mit der oft im Familienverband getroffenen und nicht einfachen Entscheidung gekommen, dazubleiben.

Nach meinem Verständnis bilden wir mit mehr als vier Millionen Mitbürgern und unserer jungen demographischen Struktur inzwischen unbestritten einen neuen deutschen Stamm.

Neben der wirtschaftlichen Wiedereingliederung ist unser Kulturleben von enormer Bedeutung, denn auch wir leben nicht von Brot allein. Wir wollen gemeinsam mit anderen feiern und fröhlich sein.

Wir wollen wieder an der Kultur unseres historischen Heimatlandes teilhaben. Als unsere Vorfahren nach Russland auswanderten, gab es bereits Gutenberg, Luther und Bach und es standen auch schon der Kölner Dom und das Brandenburger Tor.

Natürlich haben wir uns verändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aufgrund der systematischen Zersiedelung das Pflegen der deutschen Muttersprache immer schwieriger bis nahezu unmöglich. Dennoch bringen wir einiges an Liedgut und Tänzen, auch an Werten und Tugenden, gut konserviert wieder zurück. Auch meine ersten Buchautoren waren die Gebrüder Grimm, vom Vater in der deutschen Muttersprache vorgelesen.

Und da kam mir die Idee mit der Tracht, war sie doch ein bedeutsames Identitätsmerkmal unserer nach Russland eingewanderten Vorfahren.

Ich war extra dem Historischen Forschungsverein der Deutschen aus Russland e.V. (HFDR) beigetreten, um an diesem Thema arbeiten zu können. Ich glaubte den innigsten Wunsch meiner Landsleute zu verspüren, nach außen ein Zeichen zu setzen, dass wir als Landsleute in all unserer Verschiedenheit zusammengehören und das wir im Hier und Jetzt ein integrierter Teil eines großen Ganzen sein wollen.

Mein Dank gilt heute allen, die mich bei meiner Absicht, uns als Zugehörige einer Volksgruppe  unter einen Hut zu bekommen, ermutigt und unterstützt haben.

Ich danke den Omis, die mir aus ihren Erinnerungen von Qualität und Farbgebung der getragenen Kleidung erzählten. Skizzen wurden angefertigt, denn Fotos gab es als Folge der Kriegsereignisse nur wenige. Wenn es welche gab, waren sie schwarz-weiß.

Beim Übersiedeln in die Bundesrepublik (auch teilweise in die DDR) in den 70er Jahren durften die noch vorhandenen Kulturzeugnisse auf Weisung der sowjetischen Behörden gebietsweise leider nicht ausgeführt werden.

Mein Dank gilt der Trachten- und Uniformfabrik Negele in Tübingen, die mir mit ihrem reichhaltigen Fundus helfend unter die Arme gegriffen hatte. Mit viel Geduld und Sachverstand konnte in traumhaft bebilderten Katalogen abgeglichen werden, welche Kleidung in den jeweiligen von mir angegeben Auswanderungsgebieten zur Zeit der Auswanderung getragen wurde. Ich fühlte mich in meinen Bestrebungen verstanden und gut beraten.

Ergänzt wurden die vorgelegten Entwürfe durch das Mieder. Die historische

Tracht

Kleidung der wolgadeutschen Frauen hatte einen hohen Rockbund, der spitz unter der Brust zulief. Diesen haben wir getrennt und zum Schnüren gestaltet. Das Mieder trägt eine Stickerei, die die Berg- und Wiesenseite der Wolga symbolisiert, verbunden mit dem Pflug und einer Ähre. Diese Symbole sollen ein Bekenntnis an den Fleiß und die Emsigkeit unserer Vorfahren an der Wolga sein, ohne die das Leben dort nicht zu bestreiten war.

Für die Schwarzmeerdeutschen gibt es ein zweites Muster, das sich aus einer

Weinrebe und einem Ross zusammensetzt, passend zu den ehemaligen Winzern und Viehzüchtern.

Beim Herrn findet sich die jeweilige Stickerei auf der Weste.

So fanden wir es stimmig, und die Musterstücke konnten genäht werden.

Die Hutform entstammt einem Sommerhut aus Stroh, der im Heimatmuseum in Saratow als Exponat ausgestellt ist. Ich danke herzlichst Frau Pauline Kusmina, die ein Foto davon angefertigt hatte.

Danke auch an Frau Saba, eine Hutmodistin aus Bamberg, die uns auch einen zweiten aus Filz gestaltet hat, damit wir zu allen Jahreszeiten wohl behütet sind. Sie hatte auch die Idee, unsere Hüte mit einer Stoffgarnitur passend zum Rock zu

verzieren. Wir nutzten die Gunst der Stunde, neben den historischen auch neumodische Elemente in die Tracht eingehen zu lassen.

Die Schuhe kommen aus Augsburg, aus der Werkstatt Lory. Die Sonderanfertigung hat auch der strengen Kritik meiner Tante Elisabeth Vogel standgehalten, deren Vater, Heinrich Weißheim, bis zur Enteignung durch die Russische Revolution als Schuhmacher für die Schuhmode in Balzer an der Wolga zuständig war.

Ihr bestätigendes Kopfnicken war für mich sehr wichtig. Meine Tante wohnt in Diedorf  bei Augsburg. Sie ist 98 Jahre alt und noch in Vollbesitz ihrer Geisteskräfte.

Danke auch an die Geldgeber, die das Projekt gefördert haben:

Renovabis, Haus der Heimat Nürnberg e.V. und der HFDR e.V..

Dankend erwähnen möchte ich auch meinen Mann, Reinhard Uhlmann, der als Sachse und Vorstandmitglied des HFDR mich stets auf meinen vielen Wegen begleitet und bestärkt hat.

Nun geht es darum, die Kleidung für interessierte Tanz- und Kulturgruppen sowie für Privatpersonen nachzunähen.

Wir suchen dringend Sponsoren, die uns mit Geld, Rat und Tat beistehen, denn wir schaffen es nicht aus eigener Kraft.

Angesprochen sind Freunde der Deutschen aus Russland und alle, die es noch

werden wollen.


Kontakt:

Lilli Uhlmann                                                             

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Lilli Uhlmann, Schwabach

Realschullehrerin a.D.

Psychologische Beraterin

 

Olga Knaub

Tel.: 09779/ 850272

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